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Zeitgemäße Schwarzwildbejagung
Sauen haben für sehr viele Weidgenossen einen ganz besonderen jagdlichen Stellenwert. Insofern war die Freude der Jägerschaft über stark steigende Sauenstrecken und -bestände und die Ausbreitung der Sauen aus ihrem angestammten Waldökosystem in die freie Feldflur lange Jahre nahezu ungetrübt. Steigende Wildschäden, gelegentliche Ausbrüche der Klassischen Schweinepest und eine zunehmend kritisch nachfragende, nichtjagende Öffentlichkeit trüben diese Freude heutzutage deutlich und erfordern ein Umdenken bei uns Jägern. Auch wenn viele es nicht wahrhaben wollen, wir müssen aus verschiedenen Gründen die Sauenbestände nachhaltig absenken und damit auch nachhaltig deutlich geringere Strecken akzeptieren. Dies ist das Gebot der Stunde, wenn uns das Gesetz des Handelns nicht aus der Hand genommen werden soll. Die hier vorliegende Vortragszusammenfassung soll dabei helfen, das notwendige Umdenken anzustoßen! Die gegenwärtig zu beobachtenden Streckeneinbrüche sind höchstwahrscheinlich auf die mit dem strengen Winter 05/06 verbundenen Frischlingsverluste zurückzuführen. Dies ist aber wohl kein Grund für Entwarnung und Nachlassen in der Bejagung!
Gibt es ein „Schwarzwildproblem“?
Die Schwarzwildstrecken sind in den letzten 24 Jahren in den einzelnen Bundesländern extrem angestiegen (Abb. 1). In Berlin wurden im Spitzenjahr über 13 Sauen pro 100 ha Jagdfläche erlegt, während bis Anfang der 1990er Jahre dort fast keine Sauen zur Strecke kamen. Die Schwarzkittel sind in Berlin dabei, auch innenstädtische Bereich dauerhaft als Lebensraum zu erobern. Es versteht sich von selbst, daß beim Zusammenleben von Mensch und Wildschwein in der Stadt Probleme auftreten. 40 sogenannte Stadtjäger versuchen im Auftrag der Berliner Forsten einen Teil dieser Probleme in der Stadt zu lösen. In den Stadtbezirken Berlins werden alleine jedes Jahr etwa 400 Sauen erlegt.
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Abb. 1 - Schwarzwildstrecken der Bundesländer der letzten 24 Jahre (Jagdjahre1982/83 bis 2005/06) im Vergleich (ohne Bremen und Hamburg); in den Kästen sind angegeben: Jagdfläche, Faktor, um den die Strecke angestiegen ist (höchster Wert in Relation zum niedrigsten Wertes innerhalb der ausgewerteten 24 Jahre), höchste in einem Jagdjahr erlegte Stückzahl pro 100 ha;
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Abb. 5 – Sauenstrecken Sächsische Schweiz seit JJ 98/99;
 Abb. 2 - Sauenstrecken in Deutschland seit JJ 83/84
 Abb. 3 - Sauenstrecken in Brandenburg seit JJ 1982; Pfeile deuten auf starke Streckenanstiege hin, deren Ursachen unbekannt sind;
 Abb. 4 – Sauenstrecken in Sachsen seit JJ 1982; Auffällige Streckenanstiege Anfang der 1980er und Ende der 1990er Jahre;
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Die Steigerungsraten sind in den Bundesländern naturgemäß besonders hoch, wo es vor 24 Jahren noch recht wenige Sauen gab . Mit 2,32 bzw. 2,89 erlegten Sauen pro 100 ha Jagdfläche im Spitzenjahr rangieren Brandenburg und Sachsen weit im oberen Mittelfeld. Sieht man vom Sonderfall Berlin ab, werden die Abschußzahlen bezogen auf die Jagdfläche nur von Hessen und von Rheinland-Pfalz deutlich übertroffen. In Hessen, in Mecklenburg-Vorpommern und in Brandenburg wurden im jeweiligen Spitzenjahr mehr Sauen als Rehe erlegt. Die Steigerung der Strecken ist an den entsprechenden Kurven deutlich ablesbar (Abbn. Solche nachhaltigen Steigerungen der Strecken bedeuten selbstverständlich auch entsprechend gestiegene Bestände. Sinkende Strecken müssen aber keineswegs Hinweise auf die Bestandesentwicklung geben. Bei Vollmasten im Wald sinken die Strecken regelmäßig, weil die Bejagung erschwert ist. In Brandenburg wird geschätzt, daß eine Schlechtwetterperiode, bei der die Jagd bei Mondschein nicht ausgeübt werden kann, etwa 3.000 bis 5.000 Sauen weniger in der Jahrestrecke bedeutet. In einem solchen Fall sinkt die Strecke also trotz gleich hoher bzw. weiter steigender Bestände. Weshalb die Zahl der Sauen in gewissen Jahren besonders stark ansteigt, läßt sich nicht mit Sicherheit erklären. Einige allgemeine Ursachen lassen sich jedoch durchaus festmachen und sollen kurz besprochen werden. Das Schwarzwild hat parallel zu ansteigenden Beständen in den letzten Jahrzehnten auch Gebiete als Lebensraum erobert, wo es nie welches gab bzw. ehemalige Lebensräume wieder besiedelt. Im Oberharz werden z. B. seit Jahren mehr Sauen als Rotwild erlegt. Es gibt Reviere, die wegen der immensen Schwarzwildschäden nicht mehr verpachtet werden können. Immer wieder tritt in Regionen extremer Schwarzwilddichte die Klassische Schweinepest (KSP) in den Beständen auf, wobei stets die Gefahr einer Infektion von Hausschweinbeständen droht. In den letzten beiden Jahren sind in Rheinland-Pfalz und in Nordrhein-Westfalen wieder Fälle von KSP bei Schwarzwild nachgewiesen worden (Tab. 1).
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Wir haben also mit dem Schwarzwild derzeit tatsächlich einige Probleme. Darüber können auch die jüngsten Streckeneinbrüche nicht hinwegtäuschen. Wollen und können wir sie mit jagdlichen Mitteln lösen? Das ist die drängende Frage!
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Ursachen der „Sauenexplosion“
Unter den drei Stichworten Klima, Landwirtschaft und nicht angepaßte Bejagung lassen sich die Hauptursachen des immensen Anstiegs der Schwarzwildbestände zusammenfassen.
Klima
Die mittleren Jahrestemperaturen sind in den letzten Jahrzehnten spürbar angestiegen. Es ist inzwischen unter den führenden Klimaforschern unumstritten, daß anthropogene Einflüsse mindestens 2/3 der Erwärmung ausmachen. Physikalisch bedingte (normale) Klimaschwankungen spielen gegenwärtig eher eine untergeordnete Rolle. In der Nordsee hat sich wegen der gestiegenen mittleren Wintertemperatur des Meerwassers das Artenspektrum deutlich verändert. Für das Schwarzwild bringen milde Winter geringere Sterblichkeit der Frischlinge und besseren Zugang zu Fraß mit sich. Es gibt kaum noch winterliche Notzeit für die Schwarzkittel. Im Wald, dem ursprünglichen Lebensraum des Schwarzwildes, sind in immer kürzeren Abständen Vollmasten zu beobachten. Neben dem Temperaturanstieg ist dafür auch der hohe Düngereintrag aus der Luft mit bis zu 80 kg Stickstoff/ha/Jahr verantwortlich. Vollmasten bedeuten außerdem meist geringere Strecken, da die Sauen dann Kirrungen kaum annehmen.
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Tab. 1 - Klassische Schweinepest bei Schwarzwild in den letzten neun Jahren; Anzahl positiver Fälle in den Bundesländern;
Landwirtschaft
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Abb. 6 - Maisanbaufläche in Deutschland seit 1960; Heute wird fast sechsmal soviel Mais angebaut wie 1960! Der ha-Ertrag stieg seit 1970 von 50 dt/ha auf 90 dt/ha!
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Die Anbaufläche z. B. für Mais ist in den vergangenen fast 50 Jahren stark angestiegen, ebenso die ha-Erträge (Abb. 6). Die Schläge, nicht nur beim Mais, sind in den neuen Bundesländern schon seit Jahren recht groß. Aber auch in den alten Bundesländern werden Schläge zunehmend größer. Diese z. T. riesigen Schläge werden von den Sauen in der Vegetationszeit als Dauereinstände genutzt. Eine Bejagung ist dort vielfach nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich. Hier stellt sich auch die Frage, ob die gesetzliche Wildschadensregelung den heutigen landwirtschaftlichen Verhältnissen gerecht wird. Das Bejagungsproblem wird sich mit dem zunehmenden Anbau sog. nachwachsender Rohstoffe noch verschärfen. Tendenziell werden bisherige Stillegungsflächen wieder in die Bewirtschaftung kommen. Die Zeiten, in denen Schläge ohne Fraß und Deckung für Sauen sind, werden kürzer. Der Anteil der landwirtschaftlichen Fläche, der mit für Sauen attraktiven Sorten bebaut wird, ist angestiegen und steigt weiter. Raps z. B., früher bitter, dient den Sauen heute nicht nur als Deckung, sondern wird auch als Fraß aufgenommen Mit einem Satz: Sauen leben in unserer Kulturlandschaft heute wie im Schlaraffenland.
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Unter den gegebenen Umständen nutzt diese Tierart offensichtlich ihr gesamtes artspezifisches Fortpflanzungspotential, was durch den hohen Anteil reproduzierender Frischlinge verdeutlicht wird.
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Nicht angepaßte Bejagung
Sowohl Quantität als auch Qualität der Strecken lassen landauf landab Wünsche offen. Schwarzwild ist das heimische Schalenwild mit der höchsten Fortpflanzungsrate, und es reagiert auf positive Veränderungen seiner Lebenssituation besonders rasch mit Erhöhung der Fortpflanzungsrate. Dennoch werden jedes Jahr deutlich mehr männliche als weibliche Sauen erlegt. Bei allen anderen Schalenwildarten überwiegt der weibliche Streckenanteil aus guten Gründen. Außerdem ist der jährliche Zuwachs bei Sauen wesentlich höher als bisher angenommen (Tabellen 2 und 3) und er verteilt sich anders auf die Altersklassen als gedacht. Frischlinge alleine bringen fast die Hälfte des Nachwuchses!
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Die Strecke insgesamt und insbesondere der Frischlingsanteil müssen demnach deutlich erhöht werden.
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Der Einfluß der drei Faktoren Klima, Landwirtschaft und Bejagung ist lokal sicher sehr unterschiedlich zu bewerten. Man muß aber auch in jedem Fall mit synergistischen Effekten rechnen. Die riesigen Maisflächen alleine können es wohl nicht sein, gibt es doch ähnliche Bestandsanstiege in ganz Europa und zwar auch dort, wo Maisanbau nur eine untergeordnete Rolle spielt. Der Klimaveränderung kommt wegen der milderen Winter und der damit einhergehenden geringeren Frischlingsmortalität sicher eine wesentliche Rolle zu. Auch nicht angepaßte Bejagung, dokumentiert durch eingehende Streckenanalysen, läßt sich fast überall zeigen. Insgesamt kann man wohl feststellen, daß es den Sauen bei uns noch nie so gut gegangen ist wie heute. Sauen sind eine ausgesprochen opportunistische Tierart, was ihre Ernährung und ihre Fortpflanzung angeht. Als solche reagieren sie auf die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen mit der vollen Ausnutzung ihres riesigen Fortpflanzungspotentials. Nicht nur die Zahl der Frischlinge pro Wurf wird größer, auch die Zahl der reproduzierenden Bachen, vor allem in den Jugendaltersklassen Frischlinge und Überläufer, hat dramatisch zugenommen.
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Abgesehen vom Winter 05/06 sind die drei genannten Faktoren weiterhin wirksam. Es kann also trotz jüngster Streckenrückgänge noch keine „Entwarnung“ gegeben werden!
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Daten zur Reproduktion
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Tab. 2 – Für die drei Dr.-Arbeiten (1995, 2003, 2005) sind in den drei Altersklassen von Bachen jeweils angegeben wie viele Feten pro Tracht gefunden wurden und wieviel % der Bachen in der jeweiligen Altersklasse beschlagen waren. In der obersten Zeile die in Eberswalde in der DDR erhobenen Fetenzahlen;
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Am Institut für Wildtierforschung der Tierärztlichen Hochschule Hannover wurden seit 1995 drei Dissertationen zur Reproduktionsbiologie des Schwarzwildes unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. Klaus Pohlmeyer angefertigt.
Die Daten der Tabellen 2 und 3 zeigen mit aller Deutlichkeit, daß in diesem Jahrzehnt nicht nur die Zahl der beschlagenen Bachen in den jeweiligen Altersklassen, sondern auch die Zahl der Feten je Bache deutlich zugenommen hat. In der untersuchten Population in Niedersachsen lag 2005 der Zuwachs bei sage und schreibe 305% des gesamten Frühjahrsbestandes. Die niedersächsischen Verhältnisse lassen sich zwar nicht 1 : 1 für jedes Bundesland und für jede Region übertragen. Wir gehen aber bei zu realisierenden Strecken sicher stets von zu geringen Zuwachszahlen aus, zumal in unseren Schwarzwildpopulationen der Anteil weiblichen Wildes höher sein dürfte als in Niedersachsen. Die vorliegenden Daten zeigen außerdem überraschenderweise, daß Frischlinge zu 48%, Überläufer zu 33% und ältere Bachen „nur“ zu 19% für diesen enormen Zuwachs verantwortlich sind.
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Über 80% des Nachwuchses bringen also die Jugendklassen (Frischlinge und Überläufer)!
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Tab. 3 – Nach tatsächlich erzielten Jagdstrecken in Niedersachsen wurden eine standardisierte Sauenpopulation (100 Stück - 43 ♂ und 57 ♀) und die Zahlen von Gethöffer (2005) diesen Berechnungen zu Grunde gele. Die ♀-Sauen gliederten sich in 33 Frischlinge, 16 Überläufer und 8 ältere Bachen. In der 2.Spalte ist die Zahl der beschlagenen Bachen in den Altersklassen angegeben und der entsprechende Prozentsatz. In der 3. Spalte ist die Zahl der Feten je beschlagener Bache angeben. Spalte 4 gibt die Zahl der in einer Altersklasse gefallenen Frischlinge an, die zugleich die prozentuale Reproduktion in den Altersklassen angibt, da eine Frühjahrspopulation von 100 Stück zu Grunde liegt. Die Bachen der Standardpopulation bringen demnach jährlich 305 Frischlinge, was 305 % Reproduktionsrate entspricht! In der letzten Spalte ist angegeben, welchen %-Anteil jede Altersklasse an der Reproduktion hat. Über 80% der Fortpflanzung wird also von Frischlingen und Überläufern gebracht!
In der Jugendklasse muß dann naturgemäß auch der Bejagungsschwerpunkt liegen. Wir müssen uns also von der uralten Überzeugung früherer Tage trennen, wonach die alten Bachen für die Reproduktion besonders wichtig sind. Sie sind nach wie vor aber deshalb sehr bedeutsam, weil sie in den Rotten wichtige soziale Funktionen übernehmen. Die Leitbache z. B. synchronisiert die Rausche in der Rotte und steuert das Raum-Zeit-Verhalten.
Zwischenfazit:
1. Wenn wir die Schwarzwildbestände reduzieren wollen und wenn die Reproduktionsrate so hoch ist, müssen wir noch mehr Sauen als bisher erlegen!
2. Wenn vor allem Frischlinge und Überläufer zur Gesamtreproduktion so stark beitragen, dann muß deren Streckenanteil erhöht werden! Insbesondere Frischlinge müssen so bejagt werden, als wolle man sie ausrotten! Man kann zu geringen Frischlingsabschuß auch nicht in der Überläuferklasse nachholen, weil sehr viele weibliche Frischlinge dann bereits selbst gefrischt haben.
3. Das Verhalten des Schwarzwildes gibt ebenfalls Hinweise zur Bejagung. Der Streckenanteil männlicher Überläufer ist deshalb so hoch, weil die gerade aus der Rotte Ausgestoßenen weit umherziehen und dabei relativ leicht erlegt werden können. Beschlagene Überläuferbachen treten im Winter oft in kleinen Rotten auf und sind dann gut anzusprechen. Solche Jungbachen sollten vorrangig erlegt werden bevor sie gefrischt haben, damit der männliche Überläuferanteil der Strecke relativ geringer wird. Es versteht sich von selbst, daß führende Bachen aller Altersklassen tabu sind, solange ihre Frischlinge noch gestreift sind.
4. Die Analyse der erzielten Strecke in einem bestimmten Gebiet (bis auf Revierniveau) gibt ebenfalls wichtige Hinweise zur Bejagung, wie gezeigt wird. Dazu bedarf es allerdings einer nach Alter und Geschlecht möglichst detaillierten Dokumentation der Strecke. Hier ist vor allem Ehrlichkeit gefragt!
Hegerichtlinien im Vergleich
Bei der Bewirtschaftung von Schalenwild ist oberstes Gebot die Schaffung oder Erhaltung eines nach Alter und Geschlecht naturnah gegliederten Bestandes der entsprechenden Wildart. Dies schreiben auch das Bundesjagdgesetz und die Länderjagdgesetze so vor. Ein Mittel zum Zweck sind ein entsprechend gegliederter Abschußplan und dessen möglichst punktgenaue Erfüllung. Der Abschußplan ist also kein Selbstzweck, sondern er soll dazu führen, daß die überlebende Population aus gesunden, wildbretstarken Individuen besteht und sozial intakt ist. Nun gibt es in den meisten Bundesländern keinen Abschußplan für Schwarzwild. In Brandenburg wird ein Mindestplan erstellt, der lediglich die zu erlegende Stückzahl vorgibt. Die anzustrebende Gliederung der Strecke nach Alter wird durch die Hegerichtlinie (HGR) vorgegeben; eine Vorgabe nach Geschlecht gibt es lediglich in der Altersklasse 2 (Keiler und Bachen ab zwei Jahre und älter). Gerade bei dieser Wildart, bei der die Sozialstrukturen ganz andersartig als bei wiederkäuenden Schalenwildarten sind, jagen wir also „einfach so drauflos“. Dies zeigt sich denn auch deutlich bei der Auswertung von Schwarzwildstrecken. Die Erklärung für diesen „Mißstand“ ist einfach. Sauen lassen sich draußen im Revier, wo man sie meist auch nur bei schlechtem Licht in Anblick bekommt, nur schwer nach Alter und Geschlecht ansprechen. Zudem ist der Zwang groß, zur Vermeidung von teuren Wildschäden jedes auftauchende Stück unter Feuer zu nehmen.
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Dennoch könnte auch beim Schwarzwild die Bejagung durch genauere Beobachtung, größere Vertrautheit mit der Wildart und bessere Kenntnis ihrer Biologie qualitativ verbessert werden.
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Eine gewisse Unsicherheit besteht auch hinsichtlich der Einordnung erlegter Sauen in die Altersklassen. Gewicht jedenfalls ist kein gutes Altersmerkmal. Es schwankt je nach Fraßangebot, Jahreszeit und Geburtstermin doch sehr stark. Nach HGR bilden Frischlinge die AK 0, Überläufer die AK 1 und alle älteren Stücke die AK 2. Frischlinge werden in den meisten Bundesländern nach dem Kalender zu Überläufern, nämlich am 1. April des auf die Geburt folgenden Jahres. Ein im Dezember geborener Frischling wird so im zarten Alter von etwa dreieinhalb Monaten zum Überläufer, während der im Januar geborene Frischling erst im übernächsten April, also mit fast 16 Monaten Überläufer wird. Lediglich in Hessen, Nordrhein-Westfalen und im Saarland wird das biologische Alter herangezogen; ein Frischling wird dann also unabhängig vom Datum der Geburt an seinem ersten Geburtstag zum Überläufer. Da man bei Sauen das Alter anhand der Bezahnung und des Zahnwechsels einfach und recht sicher bestimmen kann, sollte man dies durchaus in der Streckenstatistik auch festhalten. Auch beim kalendarischen Alter muß man wissen, ob ein Frischling zum Beispiel im Dezember oder im Februar gefrischt wurde. Dies kann aber nur exakt festgestellt werden, indem das biologische Alter anhand des Zahnwechsels festgestellt wird. Hierzu haben verschiedene Jagdmagazine kürzlich recht gute Ansprechhilfen in handlicher Form auf den Markt gebracht.
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Die Unsicherheiten der Einordnung in AK 0 oder AK 1 können z. T. dafür verantwortlich sein, daß deren Streckenanteile von den Hegerichtlinien oft abweichen.
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Brandenburg
Die HGR der Bundesländer Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern (Tabelle 4) macht außer in der AK 2 keine Vorgaben zum Abschuß-Geschlechterverhältnis (Abschuß-GV). Der Streckenanteil der Jugendklassen (AK 0 und AK 1) soll mindestens 80% betragen, wobei zwei Drittel Frischlinge und ein Drittel Überläufer sein sollen. Bachen der AK 2 sollen mindestens 10% der Strecke ausmachen, Keiler maximal 5% (vorrangig reife Keiler ab Alter fünf Jahre). In der Streckenliste muß in allen Altersklassen das Geschlecht dokumentiert werden.
Aus der HGR ergibt sich eine Streckenaufteilung lediglich nach Stückzahl, wie in Abb. 8 dargestellt. In Abb. 9 ist die tatsächlich realisierte Schwarzwildstrecke der Jagdjahre 1995/96 bis 2003/04 (497.248 Stück) ausgewertet.
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Abb. 8 – Anzustrebende Streckenanteile nach Hegerichtlinie in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern;
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Abb. 9 – Altersklassenanteile der Sauenstrecke in Brandenburg von 1995/96 bis 2003/04;
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Tabelle 4 – „Gemeinsame Richtlinie für die Hege und Bejagung des Schalenwildes der Länder Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern“; Angaben für Schwarzwild;
Es zeigen sich erhebliche Abweichungen von den Vorgaben der HGR. Das zahlenmäßige Verhältnis Frischlinge zu Überläufern ist stark zu Gunsten letzterer verschoben. Eine jagdliche Korrektur sollte aber nicht durch eine Reduktion des Überläuferabschusses erfolgen, sondern eindeutig durch höheren Frischlingsabschuß. Dieser ist freilich nur zu realisieren, wenn bereits bei den gestreiften Fröschen scharf eingegriffen wird. Hier wird von vielen Weidgenossen immer wieder das „Kindermörder“-Argument vorgebracht. Wie scheinheilig das ist, zeigt sich im Mai und Juni, wenn die Fuchswelpen am Bau einer nach dem andern erlegt werden. Hier wie bei den gestreiften Frischlingen greift die in den Jagdgesetzen geforderte Anpassung der Wildbestände an landeskulturelle Verhältnisse.
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Dies alleine schon ist Legitimation genug für den Abschuß gestreifter Frischlinge, selbst wenn sie nicht als Wildbret verwertet werden können.
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Sachsen
Die „Richtlinie des Sächsischen Staatsministeriums für Umwelt und Landwirtschaft über die Hege und Bejagung des Schalenwildes (Hegerichtlinie) vom 27. März 2003“ macht zum Schwarzwild nur wenige Aussagen. Es sind lediglich die Altersklassen und der anzustrebende Anteil an der Gesamtstrecke angegeben:
AK 0 – Frischlinge 60% AK 1 – Überläufer 15 % AK 2 – Bachen 20%, Keiler 5%
Die sächsische HGR enthält weder Angaben zum anzunehmenden Zuwachs noch zu einem anzustrebenden Abschuß-GV (außer AK 2). Auch die Dokumentation der Strecke nach Geschlecht erfolgt nur in der AK 2. Dies ist für eine Analyse der Strecke nach wildbiologischen Gesichtspunkten ein deutliches Manko und absolut verbesserungswürdig. Abb. 10 zeigt die Zusammensetzung der Strecke nach Altersklassen und Geschlecht (für AK 2) entsprechend HGR.
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Abb. 10 – Anzustrebende Streckenanteile nach Hegerichtlinie Sachsen;
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Auffälliger Unterschied zu Brandenburg ist der geringe Überläuferanteil von 15%. Wie Abb. 11 zeigt, ist für die Sächsische Schweiz der tatsächliche Streckenanteil der AK 1 (Jagdjahre 1996/97 bis 2005/06) aber fast dreimal so hoch wie er laut HGR anzustreben ist und ganz ähnlich dem in Brandenburg (Abb. 9). Werden die Sauen aber erst erlegt, wenn sie bereits in die Überläuferklasse eingewachsen sind, so werden sehr viele schon als Frischlingsbachen bereits selber wieder gefrischt haben.
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Dies ist auch der Grund dafür, warum Frischlinge bereits so früh wie möglich bejagt werden sollen.
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Abb. 11 – Altersklassenanteile der Sauenstrecke Sächsische Schweiz in den Jagdjahren 1996/97 bis 2005/06.
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F – Frischling (AK 0), Ü – Überläufer (AK 1), K – Keiler (AK 2), B – Bache (AK 2); GJB - Gemeinschaftliche Jagdbezirke, EJB – Eigenjagdbezirke, VJB – Verwaltungsjagdbezirke;
Schwarzwildstrecken des Kreises Sächsische Schweiz
Abb. 12 – Auswertung der Sauenstrecken (ohne Verwaltungsjagd) der Jagdjahre 1996/97 bis 2005/06 für ganz Sachsen und für die Kreise Annaberg, Mittweida und Sächsische Schweiz. In den Kästen sind jeweils die Jagdfläche, die Gesamtstrecke sowie die mittlere Anzahl erlegter Sauen/100 ha Jagdfläche angegeben. Die Kurven zeigen die jeweilige Streckenentwicklung (Kasten oben rechts: Brandenburg zum Vergleich); das Kreisdiagramm links oben zeigt die nach Hegerichtlinie Sachsen anzustrebende Streckenverteilung;
Streckenanalyse Landkreis Sächsische Schweiz
Zur richtigen Einordnung der Streckendaten des Kreises Sächsische Schweiz werden in Abb. 12 die Strecken aus ganz Sachsen und aus den drei Kreisen Annaberg (relativ geringe Strecke), Mittweida (Strecken im Landesdurchschnitt) und Sächsische Schweiz (hohe Strecken) für die letzten acht Jagdjahre dargestellt und nach Altersklassenzusammensetzung verglichen (Tabellen Seiten 8 und 9). In keinem der drei Kreise wird eine auch nur annähernd den Vorgaben der Hegerichtlinie entsprechende Streckenzusammensetzung erreicht. Die Streckenverläufe scheinen keinen klaren Aufwärtstrend zu zeigen. Dennoch liegt in allen drei Kurven der letzte Wert noch deutlich über dem Wert des ersten ausgewerteten Jagdjahres, d. h., die Zahl gestreckter Sauen ist absolut gesehen in den letzten acht Jagdjahren nicht geringer geworden.
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Selbst nach einem Streckeneinbruch um 50% im zu Ende gehenden Jagdjahr wäre die Strecke noch höher als bei dem starken Anstieg zu Beginn der 1980er Jahre! Hier wie in Brandenburg hat das oft zu hörende „Gejammer“ der Jäger, es gäbe keine Sauen mehr, keine reale Basis!
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Zur Auswertung lagen die Streckendaten der letzten zehn Jagdjahre des Kreises Sächsische Schweiz vor (Tabellen Seite 9). Bei Frischlingen ist jeweils lediglich die Stückzahl angegeben. Für die Gemeinschaftlichen Jagdbezirke sind die Geschlechter in den AK 1 und 2 für den gesamten Zeitraum festgehalten. Ab Jagdjahr 2002/03 sind bei den Streckendaten der Verwaltungsjagdbezirke die Überläufer nicht mehr nach Geschlecht getrennt. Eine Analyse der Strecke hinsichtlich des Abschuß-GV wird dadurch erschwert bzw. unmöglich.
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In Zukunft sollte unbedingt in ganz Sachsen das Geschlecht aller erlegten Sauen dokumentiert werden.
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Altersklassen
Die nach HGR anzustrebende AK-Verteilung und die tatsächlich erzielte Verteilung sind in Abbn. 10 (Seite 7) und 11 (Seite 8) dargestellt. Die Unterschiede zwischen den Gemeinschaftlichen Jagdbezirken und der Verwaltungsjagd sind vernachlässigbar. Es zeigt sich ein ganz ähnliches Bild wie in Brandenburg (Abb. 9, Seite 6). Der Überläuferanteil ist relativ viel zu hoch. Die Betonung liegt allerdings auf relativ. Es wäre ein großer Fehler, bei der Bejagung der Überläufer nachzulassen. Der richtige Weg ist, die Zahl der erlegten Frischlinge maximal zu steigern. Damit sinkt dann der Anteil der Überläufer zunächst relativ und in den Folgejahren auch absolut, da dann weniger Frischlinge in die Überläuferklasse einwachsen.
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Der Frischlingsanteil läßt sich aber nur steigern, wenn bereits gestreifte Frischlinge scharf bejagt werden.
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Geschlechterverhältnis
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Abb. 13 – Sauenstrecke Brandenburg 1995/96 bis 2003/04; Abschuß-GV Frischlinge;
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Bei der Betrachtung des Geschlechterverhältnisses muß man zwischen Geburts-GV, GV in der lebenden Population und Abschuß-GV unterscheiden. In fast allen entsprechenden Untersuchungen ergab sich ein leichter männlicher Überschuß bei der Geburt der Frischlinge (Geburts-GV ~ ♂ : ♀ = 1,1 : 1,0 oder männlich 52% : weiblich 48%). Da Frischlinge vor der Erlegung nicht auf ihr Geschlecht angesprochen werden können, reflektiert das Abschuß-GV meist recht gut das Geburts-GV (für Brandenburg Abb. 13).
Für Sachsen kann diese Aussage leider nicht überprüft werden, da Frischlinge nur als Stückzahl in der Streckenliste auftauchen. Durch größere natürliche Mortalität des männlichen Geschlechts, wie bei vielen anderen Säugetieren einschließlich Mensch auch, und durch größere jagdliche Mortalität kehrt sich das GV in der Population mehr als um. Bei älteren Sauen überwiegt der weibliche Anteil (Abb. 14) den männlichen fast um den Faktor 3. Man sollte sich also nicht wundern, wenn auf jeweils drei alte Bachen nur ein reifer Keiler kommt. Die Daten der Abb. 14 wurden in Wildforschungsgebieten der DDR von Prof. Dr. Christoph Stubbe und Mitarbeitern gewonnen. Es ist durchaus möglich, daß die Anzahl reifer Keiler in heutigen Schwarzwildpopulationen noch geringer ist. Das liegt im übrigen auch daran, daß der Aufbau einer Population nach Altersklassen entscheidend
1. vom fiktiven Zielalter bzw. dem real erreichbaren oder erreichten Alter und
2. von der Höhe des Zuwachses abhängt.
Hohes Alter (Zielalter bzw. erreichbares Alter) und geringer Zuwachs haben eine steile Alterspyramide zur Folge, während geringes Alter und hoher Zuwachs eine flache Alterspyramide hervorbringen.
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Unsere Schwarzwildpopulationen stellen heute fast allerorten „Kindergesellschaften“ dar.
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Abb. 14 – Zunahme des weiblichen Anteils in der Population mit steigendem Alter.
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Das liegt aber offenbar nicht nur an der nicht angepaßten Bejagung, sondern es hat seine Ursache auch in der Tatsache, daß die Sauen im Schlaraffenland eben ihr gesamtes Fortpflanzungspotential in allen Altersklassen mobilisieren.
Die Auswertung der Streckendaten (Seite 9) für die sechs Jagdjahre 1996/97 bis 2001/02 ergab für AK 1und 2 zusammen ein Abschuß-GV von 54% männlich zu 46% weiblich (Abb.15). Daß dies nicht auf einem einmaligen „Ausrutscher“ beruht, zeigt Abb. 16. In jedem ausgewerteten Jagdjahr überwog der männliche Anteil an der Strecke den weiblichen. Umgekehrt sollte es sein!
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Abb.15 - Sauenstrecke Sächs. Schweiz 1996/97 bis 2001/02; Abschuß-GV AK 1 und 2;
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Abb. 16 – In jedem ausgewerteten Jagdjahr war der männliche Streckenanteil größer als der weibliche!
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Bei allen anderen Schalenwildarten soll stets mehr weibliches als männliches Wild erlegt werden, um die höhere Mortalität im männlichen Geschlecht auszugleichen. Ausgerechnet bei der Schalenwildart mit dem höchsten Fortpflanzungspotential weichen wir von diesem Grundsatz ab.
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Die Bemühungen sollten deshalb dahin gehen, den Anteil weiblicher Sauen an der Strecke zu erhöhen.
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Da bei Frischlingen das Geschlecht unter jagdlichen Bedingungen meist nicht angesprochen werden kann, ist dieser zu fordernde höhere weibliche Anteil nur bei Überläufern oder älteren Stücken zu realisieren, zumal Überläufer alleine ein Drittel der Reproduktion bringen (Tab. 3, Seite 5).
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Abb. 17– Sauenstrecke Sächs. Schweiz 1996/97 bis 2001/02; Abschuß-GV Überläufer;
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Abb. 18 – Sauenstrecke Sächs. Schweiz 1996/97 bis 2001/02; Abschuß-GV AK 2;
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Abb. 19 – Streckenanteile Bachen und Keiler nach Sächsischer Hegerichtlinie
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Gerade bei Überläufern ist die Abweichung im Abschuß-GV mit 10%-Punkten auch am höchsten (Abb. 17), während die Abweichung in der AK 2 geringer ausfällt (Abb. 18), aber doch weit die Vorgaben der HGR verfehlt!. Die getrennt nach Gemeinschaftlichen Jagdbezirken und Verwaltungsjagd ausgewerteten Daten ergaben mit einer Ausnahme keine auffälligen Unterschiede: In der AK 2 wurden im Bereich der Verwaltungsjagden mehr Bachen als Keiler gestreckt. Diese Tendenz ist durchaus positiv, die Abweichung von der HGR aber immer noch beträchtlich, denn nach HGR sollten für jeden Keiler vier Bachen erlegt werden (Abb. 19)!
Es wird immer wieder gefragt, ob denn die Streckenstatistik wirklich korrekt ist. Wahrscheinlich ist sie das nicht; oft erfolgt die Einordnung in Altersklassen willkürlich nach Gewicht und „Götterblick“, statt nach der Beurteilung des Zahnwechsels. Vermutlich werden mehr Frischlinge zu „Kalenderüberläufern“ gemacht als umgekehrt. Es soll auch einen gewissen Anteil an post mortem Geschlechtsumwandlungen geben, bei denen aus falsch verstandener Tradition sich auf wundersame Weise meist weibliche in männliche Stücke verwandeln.
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Falls aber tatsächlich deutlich mehr Bachen erlegt als angegeben werden, dann ist die Lage noch dramatischer als angenommen!
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Auch bei der Altersbestimmung älterer Stücke (AK 2) werden nach wie vor gravierende Fehler gemacht. Der Abschliff der Haderer und Gewehre des Keilers ist kein Altersmerkmal. Er hängt vielmehr von der Stellung der Zähne im Kiefer ab. Die sagenhaften Hauptschweine von acht und mehr Jahren gehören zumeist ins Reich der Fabel. Keiler erreichen bei uns in freier Wildbahn nur selten dieses Alter (siehe C. Stubbe und K.-W. Lockow: Alters- und Qualitätsbestimmung des erlegten Schalenwildes auf schädelanalytischer und biometrischer Grundlage. DLV Berlin, 1994). Das liegt sowohl an der Bejagung als auch an der größeren natürlichen Mortalität männlicher Sauen. In Abb. 20 sind die Feld- und Waldanteile der Jagdflächen in den Gemeinschaftlichen Jagdbezirken und den Verwaltungsjagdbezirken des Kreises Sächsische Schweiz dargestellt. Abb. 21 zeigt die erzielten Sauenstrecken der jeweiligen Jagdbezirksarten im Verhältnis zur Jagdfläche. Die GJB erlegten im Mittel 3,68 Stück Schwarzwild je 100 ha Jagdfläche, die Verwaltungsjagdbezirke 2,77 Stück/100 ha.
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Abb. 20 – Feld- und Waldanteile der unterschiedlichen Jagdbezirke (Flächen in ha und %-Satz) des Kreises Sächsische Schweiz; GJB: 17% Wald, 83% Feld; Verw.-Jagd: 98% Wald, 2% Feld
Abb. 21 – Verhältnis der Jagdflächen und Sauenstrecken (Jagdjahre 1996/97 bis 2005/06) der Gemeinschaftlichen Jagdbezirke und der Verwaltungsjagdbezirke des Kreises Sächsische Schweiz; die GJB erzielten auf 68% der Jagdfläche des Kreises 75% der Sauenstrecke, während die Verwaltungsjagdbezirke auf 32% der Fläche 25% der Sauenstrecke erzielten.
Was ist zeitgemäße Sauenbejagung?
Die Lehren aus den vorgestellten Daten können in folgenden Leitsätzen zusammengefaßt werden:
1. Wichtigste Voraussetzung: Jäger müssen Sauenbestände absenken wollen und dann nachhaltig geringere Streckenzahlen akzeptieren! 2. Revierübergreifende Zusammenarbeit bei der Planung, JagdausübungDokumentation und Auswertung der Strecke! Dazu gewachsene Strukturen wie z. B. Jägerschaften, Hegeringe oder Hegegemeinschaften nutzen! Jagd muß im Wald und im Feld mit gleicher Intensität ausgeübt werden! Ob das so ist, zeigt die revierweise Streckenanalyse! 3. ♀-Streckenanteil muß deutlich über ♂-Streckenanteil liegen! 4. Dazu vor allem mehr Überläuferbachen, auch und gerade beschlagene, erlegen! Der oft gehörte Einwand, das Erlegen beschlagener Bachen sei unweidmännisch, ist scheinheilig. Ende Januar, also noch in der Jagdzeit, sind auch die weiblichen Stücke des wiederkäuenden Schalenwildes beschlagen. Ein Damwild-Fetus mißt dann fast 20 cm! 5. Aus größeren Rotten sog. Beibachen erlegen, wenn alle Frischlinge der Rotte nicht mehr gestreift sind und über 20 kg haben! Die verwaisten Frischlinge werden nicht aus der Rotte ausgestoßen. 6. Einzelne führende Bachen nicht erlegen! 7. Leitbachen schonen! Die Leitbache synchronisiert die Rausche in der Rotte, was zu einem einheitlichen Frischtermin führt, und Bereits gestreifte Frischlinge scharf bejagen, um den Frischlingsanteil an der Strecke zu erhöhen! Je früher die Bejagung der Frischlinge einsetzt, desto sicherer wird verhindert, daß viele von ihnen bereits selbst frischen. Die gesetzliche Forderung nach Anpassung von Wildbeständen an die landeskulturellen Verhältnisse erzwingt geradezu die Erlegung solcher Frischlinge, selbst wenn sie nicht verwertbar sind. Die Veterinärbehörden sollten die Verwertung solcher Frischlinge durch den Wegfall der Gebühr für die Trichinenschau unterstützen! 9. In „mehrstöckigen“ Rotten evtl. die stärksten Frischlinge zuerst erlegen, da diese sich auch zuerst wieder selbst fortpflanzen! 10. Letztes Mittel: Frischlingsfänge! Fänge sind in manchen Städten schon in Betrieb. Hierbei müssen die jagdrechtlichen Vorschriften des betreffenden Bundeslandes beachtet werden.
Diese 10 Punkte stellen sozusagen das Notprogramm in Zeiten mit extrem hohen Sauenbeständen dar. Wenn es uns Jägern gelingt, Bestände nachhaltig abzusenken, und wir müssen dieses Ziel akzeptieren, kann über manche der vorgeschlagenen Maßnahmen wieder völlig neu nachgedacht werden!
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Wir sollten die starken Frischlingsverluste im vorletzten Winter als Chance nutzen und die Bestände bei weiterer intensiver Bejagung nicht wieder ansteigen lassen!
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Man darf vor dem Beweis des Gegenteils davon ausgehen, daß Schwarzwildbestände durch richtigen jagdlichen Eingriff abgesenkt werden können. Ob das Problem bei anhaltender Verweigerungshaltung mancher Revierinhaber und weiterer Optimierung der Lebensumstände der Sauen (Klima, Landwirtschaft) dauerhaft, also nachhaltig, zu lösen ist, wird sich zeigen. Überlegungen zur hormonellen und chemischen Empfängnisverhütung bei Schwarzwild gibt es schon. Das wäre für uns Jäger eine Bankrotterklärung und brächte zudem den Markt für Wildbret wegen „Hormonverseuchung“ zum Erliegen. Deshalb sollte unser Motto weiterhin lauten:
Kugel statt Pille!
Zusammenfassung eines am 16. März 2007 gehaltenen Vortrages in Pirna (Landkreis Sächsische Schweiz); Für die jagdstatistischen Daten aus Sachsen bedanke ich mich bei Herrn Dieter Müller und bei Herrn Dr. Gerd Dittrich; die Daten zur Reproduktion stellte freundlicherweise Herr Prof. Dr. Dr. Klaus Pohlmeyer zur Verfügung.
Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel Institut für Biologie – Zoologie der Freien Universität Berlin Königin-Luise-Str. 1+3, 14195 Berlin, devlbiol@zedat.fu-berlin.de
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