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Kommentar zur Tagung der Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft in Thüringen
Liebes Forstministerium in Erfurt, sicher ergeht es dir so wie den meisten Anderen auch. Du kennst in deiner Familie oder deinem Freundeskreis einen Kranken, der seit langer Zeit dahin siecht. Manchmal besuchst du ihn und kennst daher das flaue Gefühl im Magen, das einen nach einem solchen Besuch überfällt. Man fährt betroffen nach Hause und ist traurig, nicht helfen zu können.
So erging es mir auch, als ich von der Bundestagung der ANW wieder zu mir nach Hause fuhr. Der Kranke, den ich nun zum wiederholten Mal besucht habe, liegt zwischen Eisenach und Schleiz, heißt Thüringer Wald und du bist für ihn verantwortlich. Schade nur, dass du kein Arzt bist, denn dann hättest du den hippokratischen Eid geschworen, der dich zwänge, alles in deiner Macht stehende zu tun, dem Kranken wieder auf die Beine zu verhelfen. Stattdessen siehst du ungerührt zu, wie der Kranke immer kränker wird.
Das dieses unverantwortliche Treiben bisher nicht zu einem Aufschrei der Entrüstung geführt hat, liegt ausschließlich daran, dass du dir das mangelnde Fachwissen der Öffentlichkeit schamlos zu Nutze machst. Tausende von Wanderern durchqueren alljährlich den Kranken auf den Rennsteig, sehen Wälder und wissen natürlich nicht, dass diese ganz anders aussehen müssten. Du verhältst dich wie ein Arzt, der am Bett des Schwerkranken nicht müde wird, dessen beneidenswerten Gesundheitszustand zu preisen, wiewohl dir dein Fachwissen zweifellos sagt, wie es um ihn bestellt ist.
Natürlich kannst du nicht dafür, dass sich der Kranke in einem derart beklagenswerten Zustand befindet. Die Krankengeschichte begann lang vor deiner Zeit und dies ist nicht der Platz, die Schuldfrage der Vergangenheit zu klären. Der Hoffnungsschimmer aber liegt doch darin, dass wir beide sehr gut wissen, dass die Krankheit heilbar ist, vorausgesetzt man will das überhaupt.
Warum soll ich dir nun Nachhilfe in Waldbau geben? In deinem Haus sitzen reihenweise Fachleute, die ganz genau wissen, was zu tun ist. Aus mir völlig unverständlichen Gründen dürfen Sie aber nicht tun, was sie wissen und wofür sie bezahlt werden. Bertold Brecht lässt in einem seiner Dramen sinngemäß sagen, dass derjenige, der die Wahrheit nicht kenne, nur eine Dummkopf sei, wer sie aber kenne und nicht danach handele, jedoch ein Verbrecher. Ich kann es dir nicht ersparen, aber du weist nun, was du im Brecht´schen Sinne bist.
Auf dem Altar des Wochenendvergnügens einer verschwindenden Minderheit unserer Bevölkerung, der Hobbyjäger, opferst du scheinbar ohne jedes Schamgefühl den hercynischen Bergmischwald und leistest damit einen unglaublichen Vermögensverlust des Eigentümers, dem Bürger Thüringens, Vorschub. Vom ökologischen Schaden zu sprechen, erscheint sinnlos, denn er ist dir ganz offensichtlich ebenso gleichgültig.
Dabei hat doch niemand etwas gegen die Hirsche, die nichts dafür können, dass sie Hunger haben. Es geht alleine um die Zahl. Wir alle, die einen Jagdschein besitzen, haben doch einmal gelernt, dass Rotwilddichten zwischen ein und zwei Stück pro einhundert Hektar durchaus tragbar sind. Uns wurde aber berichtest, dass in deinen Wäldern nicht unter acht Stück/100 ha stehen, meist sehr viel mehr. Warum schreitest du da nicht ein? Warum lässt du dich von der Jägerschaft korrumpieren? Von diesem winzigen Haufen, der nichts zu sagen haben sollte, sondern das auszuführen hat, was der Eigentümer will.
Ich weis doch, wovon ich rede. Ich gehöre selbst einem Parlament an und da die Jäger in meinem Stimmkreis genau wissen, was ich in der Wald-Wild-Frage denke, liefern sie Sturm gegen meine Kandidatur. Ich habe den Stimmkreis dann mit über 62% der Erststimmen gewonnen. Weshalb has du also Angst vor dieser Kamarilla… oder gehörst du gar selbst dazu?
Weist du, was mich auf der ANW-Tagung am meisten erschreckt hat? Ich will es dir sagen: Die tief sitzende Frustration deiner Mitarbeiter. Ehemals hoch motivierte Forstleute haben schlicht aufgegeben, weil du ihnen Knüppel zwischen die Beine wirfst. Warum sollen wir uns mühen, so sagen sie, wenn wir Sisyphus-Arbeit leisten müssen. Da bleibe nur noch Raum für Sarkasmus, als einer feststellte, die Tanne werde nicht verbissen, sondern der von den wenigen verbleibenden Mutterbäumen herabfallend Samen bereits in der Luft weggeschnappt.
Man hat uns nach langen Busfahrten an einige Stellen gebracht, wo wenigstens die Buche eine kleine Chance hatte durchzukommen (im Fagetum!). Während der Fahrten wäre es besser gewesen, man hätte die Busse von innen verdunkelt, denn was rechts und links der Straße zu sehen war, war geeignet, einem passionierten Waldbauern das Herz zu brechen.
Natürlich wissen wir alle, wer hier die Verantwortung trägt. Es gibt einen Minister, einen Chef der Verwaltung, seine Stellvertreter, einen Referenten für den Waldbau und einen für die Jagd. Die Namen sind bekannt. Früher, in der Volksschule, hätte der Lehrer solchen Spitzbuben wenigstens gesagt: „Stellt´ euch für zehn Minuten in die Ecke und schämt euch!“ Aber solche Ecken sind ja heute in Häusern, wie deinem nicht vorgesehen. Wenn man erstmal in den Ruhestand getreten ist, kann man ohnehin nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden und im „Schatten“ des Pensionshirsches soll der Rotwein ja auch ganz besonders gut schmecken.
Es grüßt dich ein trauriger Sebastian
Sebastian Frhr. V. Rotenhan MdL 96184 Rentweinsdorf
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